Jetzt auch der “Spiegel”?

Gestern beim Arzt im Wartezimmer ist mir beinahe der Kragen geplatzt.

Ich bekam eine Spiegel-Ausgabe vom 21.01.2013 in die Hand und frage mich seitdem, ob billige Effekthascherei denn tatsächlich so notwendig zum Leserfang ist, wie es der folgende Artikel vermuten lässt?

Eigentlich halte ich den “Spiegel” für ein seriöses Blatt und schätze seine meist gute Hintergrundrecherche. Zumindest ist sie in der Regel besser als bei anderen Zeitschriften. Und jetzt eine solche ‘Himbeere’:

In der Ausgabe 4/2013 fand ich unter der Titelstory “Die Psycho-Falle” den Artikel “Hirnschwund durch Psychopillen”.

Dass mit dem Begriff ‘Psychopillen’ gleich pauschal eine ganze Gruppe von sehr unterschiedlichen Medikamenten verunglimpft wird, sei mal dahin gestellt. Dass es nicht per se negativ sein muss, wenn man noch nicht bis ins letzte Detail verstanden hat, was eine Gruppe von Medikamenten bei Adhs und eine andere Gruppe bei Depressionen im Gehirn genau bewirkt, ebenfalls.

Dann aber als erstes die Horrormeldung mit einem toten Kleinkind (Diagnose bipolare Störung und Adhs) durch einen Medikamentencocktail. Sicherlich fragwürdig und tragisch, eignet sich aber leider auch hervorragend zur Stimmungsmache.

Es wird nicht erwähnt, aus welchen Medikamenten der sogenannte Cocktail eigentlich bestand. Aber vorsorglich wird schon einmal darauf hingewiesen, dass der Wirkstoff Methylphenidat gegen Adhs verordnet wird, und das natürlich mit steigender Tendenz. Warum in diesem Zusammenhang auch ausgeführt wird, dass der Verbrauch eines bestimmten Neuroleptikums zur Behandlung von Schizophrenie gestiegen sei, erschließt sich mir nicht. Litt das Kind etwa auch darunter?

Die Behauptung, dass immer mehr junge Menschen Medikamente gegen psychische Erkrankungen bekommen, bleibt ohne Beleg. Lediglich für eine zunehmende Verordnung von Methylphenidat bei Adhs wird der Arzneimittelverordnungs-Report 2012 als Quelle genannt. Eine Bewertung läßt eine solche Aussage aber eigentlich nicht zu. Könnte ja auch heißen, die dringend notwendige Versorgung all derer, die ein Medikament benötigen, hat sich verbessert. Zudem  ist mir eine solche Erkenntnis aus dieser Datensammlung nicht bekannt.

Stellt sich also ganz grundsätzlich die Frage worauf sich der Autor in seinen Ausführungen bezieht: auf den ‘Arzneimittelverordnungs-Report 2012′, oder den ‘Arzneimittelreport 2012′, oder den ‘Arztreport 2013′. Aus letzterem ist nämlich durchaus eine solche Aussage gemeldet worden. Allerdings ist anzumerken, dass dieser Report mitnichten eine Studie ist, sondern lediglich eine Erfassung der Daten aller Barmer-Versicherten, und viele Aussagen auf bestimmten Annahmen zu den Daten basieren.

Weiter wird nun kritisiert, dass nicht bewiesen sei, ob durch die Medikamente die Ursachen von ADHS, Depression und Schizophrenie behoben werden könnten. Ja, Hallo?

Um jetzt mal nur bei Adhs zu bleiben, denn bei den anderen Erkrankungen ist die Lage noch viel diffiziler. Bei Adhs wird eine starke genetische Komponente angenommen. Können Sie sich vorstellen, wie da medikamentöse Ursachenbekämpfung aussehen soll? Darf jetzt der Zuckerkranke kein Insulin mehr spritzen, weil er damit nicht die Ursache seiner Zuckerkrankheit beheben kann?

Und sind Sie mal ganz ehrlich, wann haben Sie zuletzt eine Kopfschmerztablette nicht genommen, weil sie nicht ursächlich wirkt?

Was soll das denn?

Jetzt kommt der Artikel endlich zum Kern seines Anliegens: der Veröffentlichung eines amerikanische Journalisten der “viele beunruhigende Studien” zum Thema schädliche Wirkung auf das Gehirn durch Psychopillen zusammengetragen habe.

Tatsächlich interessant! Nur -

Von jetzt an wird nur noch über Neuroleptika gesprochen. Eine Medikamentengruppe die seriöserweise bei Adhs nicht eingesetzt wird und zu der insbesondere das erwähnte Methylphenidat gar nicht gehört.

Was also sollte der ganze Einleitungskram? Panikmache, Pauschalurteile, schlecht oder unbelegte Behauptungen, alle Attribute der Klatschpresse verwurstet. Ich möchte fast die “Ärzte” zitieren: “Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht”. Allerdings sprachen die von der Bild-Zeitung. Schade, schade, schade!

Und sehr ärgerlich!

 

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