Ein Vortrag zum Schmunzeln?

Gestern besuchte ich einen Vortrag der Autorin Ulrike Mattern-Ott mit dem Titel “Von ohnmächtigen Tyrannen und hungrigen Suppenkaspern – Begegnungen mit Kindern in der Krise”.

Es war ein gewollt unterhaltsamer Vortrag mit amüsanten, leicht überspitzten Beispielen und netten Typisierungen für Kinder die Verhaltensauffälligkeiten zeigen, weil sie unter Druck stehen und ihrem Umfeld, insbesondere ihren Eltern, damit eine Botschaft schicken wollen.

Gestört hat mich, dass Sie viel kritisiert hat, was in der ernst zu nehmenden und wissenschaftlichen Praxis so längst nicht mehr State of the Art, also aktuell ist. Ebenso hat sie Maßnahmen eingefordert, die bereits Usus sind, oder zumindest bestimmt angemahnt werden. Vielleicht nicht auf einem tiefenpsychologischen Fundament fußend, wie von Frau Mattern-Ott gewünscht, aber neben Herr Freud hat die Psychologie ja nun auch einige Alternativen entwickelt, die immerhin ihre Wirksamkeit wissenschaftlich oft deutlich belegen können. Aber wissenschaftliche Ergebnisse haben bei Frau Mattern-Ott,  in Form einer unbegründeten Behauptung, den Beigeschmack von der Pharmalobby gesteuert zu sein. Ihre Verhaftung in  Feindbildern von gutem und bösem Umgang mit auffälligen Kindern hat mich enttäuscht. Auch ganz allgemein betrachtet, und von beiden Seiten, halte ich solche Ansichten für dringend überholungsbedürftig.

Ich möchte der erfahrenen Fachärztin für Kinder – und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Frau Mattern-Ott, nicht Unrecht tun. Dass was aus Ihrer tatsächlichen Arbeit mit den Eltern und Kindern durchklang, war geprägt von tiefem Verständnis, sehr viel Engagement und Erfahrung.

Ihr psychoanalytischer Denk- und Arbeitsansatz ist ein völlig anderer als meiner. Aber man muss ja nicht immer einer Ansicht sein, um ähnliche Arbeitsweisen zu entwickeln.

Viele Ihrer Kritikpunkte am gesellschaftlichen Umgang mit Kindern, am Einfluss der Pharmalobby, an der Pathologisierung “normaler” Entwicklungsabweichungen kann ich nachvollziehen und unterschreiben.

Sie waren mir nur alle ein wenig zu pauschal formuliert!

Gesamt gesehen vielleicht ärgerlich, aber kein wirklicher Aufreger!

Da mich die Pauschalisierungen eher langweilten, hatte ich jedoch Gelegenheit mir die Zusammensetzung und Reaktionen des Publikums näher zu betrachten.

Bei den humorvoll aufbereiteten Beispielen über die Verstrickungen von Eltern und Kindern gab es vielerorts Lächeln, verständigende Blicke, Kopfnicken. Fast alle schienen solche Eltern und Kinder zu kennen und hatten sich wohl (von außen betrachtet) Gedanken über diese gemacht.

Ich bekam zunehmend den Eindruck, hier säßen nur Erzieher(innen), Lehrer(innen) und wohlmeinende ältere Damen mit der Ansicht: früher wäre es für die Kinder einfach besser gewesen (jetzt formuliere ich auch einmal überspitzt).

Schleichend breitete sich eine eigentümlich sozialromantische Stimmungslage aus, wie ich sie, auch in meiner eigenen Ausbildung, schon unzählige Male erlebt habe: Wir sind alle einer Meinung gegen die böse Welt da draußen. Wir versichern uns unsere gegenseitige Unterstützung für unsere, vielleicht nicht immer laut gesagte, aber latent empfundene Meinung, dass alles viel einfacher wäre, wenn man die Eltern nur dazu bekäme bei ihren Kindern richtig umzugehen.

Fühlen Sie sich als Leser jetzt ertappt? Das wäre wirklich schön!

Dann käme nämlich vielleicht auch mein Apell bei Ihnen an:

Liebe institutionell Erziehenden, fasst euch doch bitte einmal selbstkritisch an die eigene Nase. Seid ihr tatsächlich aus dem Schneider? Seid ihr nicht genauso ratlos, und tappt Ihr nicht in die gleichen Fallen wie die Eltern. Was habt ihr gestern aus dem Vortrag mitgenommen?

Nur die bequeme Wohlfühlmeinung: Wir haben das Problem erkannt und delegieren es an die Eltern weiter.

Oder den anstrengenden, mühsamen, schmerzhaften Auftrag hinzusehen, Freiraum für die kindliche Entwicklung zu erkämpfen, sich gegen Gesellschaft und System aufzulehnen und sich damit gleichberechtigt an die Seite der Eltern zu stellen. Hier vor Ort im ganz alltäglichen Klein-Klein?

Denn ihr seid genauso Teil des gesellschaftlichen Systems, dass nicht nur auf die Kinder Druck ausübt, sondern auch und gerade auf die Eltern, die dem Zwang ausgesetzt sind immer perfekt sein zu müssen um störungsfreie Kinder zu produzieren.

So einfach, wie gestern abend dargestellt, scheint mir die ganze Chause beileibe nicht zu sein!

 

 

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