Das Seuchenwort “Ruhigstellen”

Zu “Frontal 21″, Sendung vom 04.06.2013, Beitrag “Psychopillen für Kinder – Ruhigstellen mit Nebenwirkungen”:

Und nun die 100tausendste unreflektierte Wiederholung! Wie hoch muss die Palme eigentlich noch werden auf die ich kraxeln möchte? Ist es denn zu glauben? Treten hier eigentlich noch Moderatoren an, oder täte es langsam auch der nachplappernde Papagei Erna aus der Nachbarschaft?

Sachliche Kritik, wie im gesendeten Beitrag, ist berechtigt und angebracht. Manches am Beitrag ist, meiner Ansicht nach, journalistisch-handwerklich schlecht gemacht oder weckt meinen Widerspruchsgeist. Dazu später mehr.

Aber dieser Titel und diese Anmoderation! Puuuh!

Was sind denn eigentlich “Psychopillen”?

Zur Behandlung einiger psychischer Erkrankungen gibt es glücklicherweise Medikamente die helfen. Darüber sind wir eigentlich alle froh. Wollen wir wirklich ernsthaft darüber diskutieren, ob wir Kinder von einer Behandlung ausschließen wollen, nur weil sie Kinder sind?

Also, ich betätige mich jetzt mal netterweise als Übersetzer: mit Psychopillen sind ja wohl die gängigen Medikamente zur Behandlung von ADHS gemeint.

Aber – und ich wiederhole mich gebetsmühlenartig – wo ist der Beleg für die Behauptung, dass diese Medikamente “ruhigstellen”? Das tun sie möglicherweise, wenn die Diagnose nicht stimmt, wenn falsch dosiert wird oder ein anderes Präparat zu empfehlen wäre. Solches kann und muss kritisiert werden. Die generelle Behauptung ist einfach falsch!

Auf die “Nebenwirkungen”, die hier so publikumswirksam im Titel präsentiert werden, wird im Beitrag erst ganz am Schluss, eigentlich am Rande eingegangen. Tut mir leid, aber das, was hier als neu verkauft wird, ist bekannt und steht im Beipackzettel. Aus diesem Grund werden bei einer empfohlenen Diagnostik bestimmt Risikofaktoren vor einer Verordnung ausgeschlossen, und werden medikamentierte Kinder engmaschig medizinisch überwacht.

Und liebe Moderatorin, auf welcher Kompetenz beruht denn eigentlich Ihre Aussage, es handele sich bei ADHS um eine ‘sogenannte’ Aufmerksamkeitsdefizitstörung? Haben wir gerade einmal wieder die vermeintliche”Ausgewogenheitspille” geschluckt und uns dem gängigen Modetrend der Pharmakritik unkritisch angepasst?

So viel zum ‘Drumherum’, im Beitrag geht es  zunächst nicht besser weiter.

Titel und Anmoderation suggerieren, es werde verharmlosend und viel zu leichtsinnig mit eigentlich hochgefährlichen Medikamenten umgegangen. Gleich in der ersten Einspielung wird dies geschickt und unterschwellig durch Weglassen von Informationen unterstrichen. Es wird Bildmaterial verwendet, dass in einem anderen Zusammenhang bereits gesendet wurde. An sich ja nicht verwerflich, wenn denn der Inhalt  dem thematisierten entspricht. Wenn die Jungs in dem gezeigten Ausschnitt von Pillen sprechen, die “rund” sind, “Kügelchen” und “süß schmecken”, sind mitnichten, wie suggeriert, die anschließend gezeigten Medikamente Medikinet und Concerta gemeint, sondern ein homöopathische Mittel, das im Ursprungsbericht auch namentlich genannt wird. Meiner Erinnerung nach “Zappelin”, ein sowohl bekanntes, wie in der Wirkung umstrittenes Sammel-Präparat zur Behandlung von Hyperaktivität.

Dr. Remo Largo, der nachfolgend zu Wort kommt, schätzt ich persönlich. Wichtigerweise möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass er bereits in seinem ersten Satz Teilen der Anmoderation klar widerspricht.

Bei Peter Breggin bekomme ich akutes Bauchweh. Welche Dosierung des Medikament wurde den Schimpansen denn verabreicht? Und auch er selbst würde zum “Zombie” wenn er falsch dosierte Medikamente nähme. Paracetamol, in der “richtigen” Dosierung, ist beispielsweise ein sehr geeignetes Mittel um für finale Jenseitserfahrung zu sorgen.

Ganz abgesehen davon, dass ihm eine Nähe zur Scientology-Church nachgesagt wird. Er bestreitet dies vehement und durchaus glaubhaft. Anzumerken ist dennoch, dass er sich 2005 medienwirksam beim bekannten Mitglied Tom Cruise für thematische Meinungsäußerungen bedankt (http://www.huffingtonpost.com/dr-peter-breggin/thanks-tom-cruise_b_4284.html) und seine Frau ehemaliges Mitglied der Sekte ist (http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/shows/medicating/interviews/breggin.html). Diese Umstände laut zu hinterfragen erscheint mir genau so legitim, wie die Frage, ob Studienergebnisse zu ADHS durch die Pharmaindustrie beeinflusst werden. Zur objektiven Berichterstattung gehört es aber tatsächlich beide Fragen zu stellen und genau solches unterbleibt.

Die sehr berechtigte Kritik am neuem DSM-5 – und einer nicht immer fachlich seriösen Diagnose- und Verordnungspraxis abseits der Experten – verkommt so fast zu einer Randnotiz: Schade darum!

Dieser Beitrag wurde unter Aufreger abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.